Messiaen „La Nativité du Seigneur“


Olivier Messiaen „La Nativité du Seigneur“ in einer szenografischen Aufführung
Mühlhausen, St. Josef 2008

“Wenn ich Musik höre, sehe ich dabei entsprechende Farben. Wenn ich Musik lese (indem ich sie innerlich höre), sehe ich entsprechende Farben. Es handelt sich um ein inneres Sehen, um ein Auge des Geistes. Es sind wunderbare unaussprechliche, außerordentlich verschiedene Farben. Wie die Töne sich regen, verändern, sich bewegen, so bewegen sich diese Farben mit ihnen in fortwährenden Verwandlungen.” (O. Messiaen)

Olivier Messiaen (1908-1992) gilt als der bedeutendste Orgelkomponist des 20. Jahrhunderts. Sein Schaffen gründet sich in einer tiefen Religiosität und ist inspiriert von der Zahlenmystik, indischen Rhythmen, der Gregorianik, vom Vogelgesang, von der Klangwelt javanischer Gamelan- Orchester oder der Musik Claude Debussys und Igor Strawinskys. Messiaens Kompositionen basieren außerdem auf seiner Fähigkeit zur Synästhesie – der Assoziation von Klängen mit Farben. Diese Besonderheit ist der Anlass eines außergewöhnlichen Konzerts. In der Adventszeit des Messiaen-Jahres 2008 gestalten David und Markus Schlaffke die “Nativité”- das weihnachtliche Orgelwerk aus dem Jahr 1935 in einer gemeinsamen Aufführung. Im Einklang mit der Musik werden die theologischen Gedanken Messiaens, die den „9 Meditationen über die Geburt unseres Herrn” zugrundeliegen, mittels Licht- und Projektionstechniken im Kirchenraum inszeniert. Das Bildprogramm greift das musikalische Geschehen auf, unterstützt, illustriert oder konterkariert es. Dadurch wird die gedankliche Tiefe des Werks auf ganz besonders sinnliche Weise erfahrbar.

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Wort, Bild und Nebenwirkungen

Ein Gespräch zwischen David und Markus Schlaffke

D.S.: Wenn Bild und Musik zusammenkommen, wird ja oft die Musik nach bestehenden Bildern oder Szenen komponiert – zum Beispiel im Film. Unser Konzept ist dem nun entgegengesetzt. Doch wie kann man vermeiden, dass die Musik entgegen den üblichen Rezeptionsgewohnheiten in den Hintergrund tritt?
M.S.: Das ist in der Tat die ganz entscheidende Frage. Seit du mich vor einem Jahr angesprochen hast, ob wir nicht diese gemeinsame Aufführung beginnen sollten, habe ich das Stück immer wieder angehört und nach einem Ansatz gesucht. Dabei ist ja die Idee einer solchen Inszenierung ganz naheliegend – allein die Titel und Beschreibungen der Stücke sind ja schon sehr bildhaft und dann kommt ja noch der synesthätische Aspekt dazu – es scheint auf den ersten Blick ganz einfach zu sein. Aber je länger ich darüber nachgedacht habe, desto mehr entzog sich mehr der Zugriff. Was macht man da eigentlich? Bebildert man die Musik? Geht das überhaupt? Oder macht man Bilderkino, zu dem dann eben ein Soundtrack läuft? Auch der synästehtische Ansatz – also die Wahrnehmung von Klängen als Farben, die Messiaen ja hatte, scheint mir nicht schlüssig zu sein. Man ist ganz schnell entweder bei Kitsch, Banalisierung oder Effekthascherei. Ich denke es gibt in diesem Zusammenhang nur einen einzigen Zugang – über das Thema des Werkes. Es bedarf auf der bildlichen Ebene einer eigenständigen Auseinandersetzung, die dann eben der Musik entgegengesetzt wird. Da kommt es natürlich auch zu Überschneidungen und synchronen Momenten, aber die beiden Elemente müssen jeweils für sich sprechen.
D.S.: Deine visuellen Prokjektionen sind also nicht 1:1 deckungsgleich mit der Musik sondern losgelöst vom konkreten musikalischen Vorgang?
M.S.: Der Ansatz ist sogar total konträr. Ich habe in meinen Aufzeichnungen gerade wieder eine Notiz gefunden, da hatte ich mal geschrieben – Bild:Verzweiflung – Musik:Erlösung. Das ist also überhaupt nicht illustrativ zu verstehen, Das steht sich dialektisch gegenüber.
D.S.: Es läuft also eine Art Stereo-Inszenierung ab?
M.S.: So könnte man es auch sehen, wobei schon wichtig ist, dass sich beide Elemente bedingen. Die einzelnen Sätze sind ja mit “Meditationen” übertitelt. Das ist eigentlich ein sehr guter Hinweis. In einer Meditation wird ja die ganze Komplexität und Vielschichtigkeit einer Idee aufgerufen. Alle Gedanken zu einem Thema werden gleichzeitig in den Raum gestellt. Und genau da sind doch bildliche Anregungen sehr hilfreich. In diesem Sinne würde ich das am ehesten verstehen wollen – als Meditationsanregung, die dem eigenen Nachdenken freien Raum lässt.
D.S.: Du meinst also, es ist möglich, die Bilder aktiv auf die Musik rückwirken zu lassen, ohne daß die Komposition “nur” plakativ illustriert wird?
M.S.: Das ist jedenfalls nicht leicht. Und es ist ein Experiment. Ich hatte immer wieder Momente, in denen ich resigniert habe. Da dachte ich dann, ein gutes Programmheft oder eine gute Werkeinführung wären die bessere Lösung. Das Problem liegt ja auch darin, dass die Musik gemeinhin als das emotionalere, komplexere oder tiefere Medium angesehen wird, weil die Bilder so allgegenwärtig sind und weil sie auch so scheinbar objektiv sind. Das ist dieses alte Thomas-Motiv: ich muss sehen, damit ich glauben kann. Also objektive Wahrnehmung. Aber ich denke das ist ein Missverständnis. Der Umgang mit Bildern ist ja auch hochassoziativ – von den Diskursen, Erinnerungen, Erfahrungen und Traditionen abhängig. Es ist also auch ein Missverständnis, dass die Bilder nur zur Illustration taugen. Es gibt überhaupt keine objektive Illustration.
D.S.: Gibt es dennoch allgemeine visuelle Techniken, die du auf unser Projekt ohne “Nebenwirkungen” überträgst?
M.S.: Am ehesten vielleicht in der Bildtradition. Als Ideal habe ich eigentlich die gothischen Kathedralen vor Augen. Das sind ja hochkomplexe Gesamtkunstwerke, in denen alle Elemente für sich und im Zusammenhang zur Geltung kommen. Also die Architektur, der Raum, das Licht, die Glasmalerei, das Tafelbild, die Liturgie und natürlich die Musik.
M.S.: Kann man Messiaens Musik eigentlich als liturgisch bezeichnen?
D.S.: Messiaen selbst definierte interessanterweise ausschließlich den gregorianischen Choral als liturgische Musik. Er sah den Ort für seine religiöse Musik nicht im Gottesdienst, noch nicht einmal unbedingt im Kirchenraum. Dennoch sind natürlich viele seiner Werke, darunter auch die “Nativité”, durchdrungen vom Geist der sakramentalen, liturgischen Feier und der christlichen Glaubensgeheimnisse.
M.S.: Was hätte er also zu unserer Aufführung gesagt?
D.S.: Messiaen war stets offen für die Verbindung seiner Musik mit anderen Medien wie Tanz oder Bildern und hat z.B. bei der Uraufführung seiner Oper “Franz von Assisi” Bühnenbilder, Beleuchtung und Inszenierung selbst mitgestaltet. Trotz seiner grundlegenden synästhetischen Veranlagung sah er aber sehr kritisch die Gefahr, ob man als Hörer nicht durch optische Reize zu sehr von der Musik abgelenkt wird; eine naiv bildliche Abbildung der Inhalte wäre ihm sicher zu simpel gewesen. Ich könnte mir aber durchaus vorstellen, daß er jede ernsthafte Auseinandersetzung mit seinem Werk schätzen würde.
M.S.: Wie erschließt du dir das Stück denn inhaltlich? Reflektierst du das Thema oder gehst du es eher als technische Herausforderung an?
D.S.: Das Thema gab mir vor allem die Anfangsmotivation, warum ich die „Nativité“ überhaupt spielen wollte. Als ich aber begann, das Stück konkret zu erarbeiten, zerfiel es natürlich erstmal in eine Vielzahl von einzelnen technischen Problemen, die spielerisch bewältigt werden müssen und ganz sicher eine Herausforderung sind. Das endgültige Ziel ist aber für mich, die Musik im Sinne des Textes atmen zu lassen – dies kann am Ende dann nur in gleichzeitiger Durchdringung beider Ebenen geschehen.
M.S.: Aber den Stücken sind doch sehr genaue Texte und Erklärungen zugeordnet. Wie wirkt sich das bei dir auf die musikalische Interpretation aus?
D.S.: Bedingt – Messiaen ist sehr genau in seinen Spielanweisungen und der Notation, insofern ist eine gewisse Strenge und auch Objektivität grundlegend. Ich muß mich also als Interpret dabei manchmal zurücknehmen. Ob ein Text aber z.B. von Freude, Geheimnis oder Leiden redet, hat natürlich durchaus unmittelbare Auswirkungen auf mein Spiel!
M.S.: Die Weihnachtsgeschichte kennt ja nun eigentlich jeder, aber das Stück spannt ja einen riesigen theologischen Bogen auf, der ohne die Kenntnis des Glaubensbekenntnisses kaum zu verstehen ist. Erschließt sich dir die Musik darüber hinaus auch auf einer sinnlichen Ebene? Kann man das überhaupt trennen?
D.S.: Seine Musik berührt mich ganz sicher, und an erster Stelle, auch ohne jede Erklärung emotional und sinnlich. Messiaens Werke enthalten, grob betrachtet, stets ähnliche tonale, dramaturgische und technische Strukturen, egal ob sie ein religiöses oder ein anderes Thema zum Inhalt haben. Insofern sind keine christlichen Ohren zum Hören erforderlich! Sinnlichkeit ist ein Grundelement seiner Musik. Über dieser ästhetischen Ebene steht natürlich noch die spirituelle. Von Trennung würde ich da aber vielleicht nicht reden, eher von unterschiedlichen Schichten einer Einheit.
M.S.: Gibt es einen Kerngedanken in der Nativité, der dich überzeugt?
D.S.: Im Kern überzeugt mich vor allem die Ganzheit der theologischen Durchdringung der Weihnachtsgeschichte, die weit über alle gängigen und klischeehaften Betrachtungen hinausgeht. Trotzdem stehen mir inhaltlich einzelne der Themen näher; so haben für mich zum Beispiel der johannäische Logos-Gedanke oder die Vorausschau auf das Leiden Jesu deutlich mehr Gewicht und Tiefe als die eher volkstümliche Darstellung der handelnden Figuren.
M.S. Das geht mir übrigens ganz genauso. Zu den “harten Sätzen” wie “das Wort” oder “Jesus nimmt das Leiden auf sich”, hatte ich sofort Ideen. Mit den allgegenwärtigen Bildern aus der Weihnachtsgeschichte wie den Hirten, den Engeln oder den Königen hatte ich viel mehr Probleme.
D.S.: Was ist letztlich für dich beim Arbeitsvorgang inspirierender gewesen: Die konkrete Musik oder der theologische und sinnliche Hintergrund des Werkes?
M.S.: Ich habe mir die Musik immer wieder angehört und natürlich macht das ja einen unmittelbaren Eindruck. Aber um einen eigenen künstlerischen Zugang zu gewinnen, konnte ich nur über den theologischen Hintergrund gehen. Aber das war dann gleich die nächste harte Nuss. Meine Weltwahrnehmung ist da eigentlich eher finster. Aber in der Weihnachtsgeschichte gibt es nun diesen bedingungslosen Gedanken der Hoffnung und der Erlösung – das Licht kommt in die Welt – und gleichzeitig ist das auch wieder überschattet von der Perspektive des Leidens, das dazu nötig sein wird. Das steckt ja alles in der Musik und in der Struktur des Stückes drin. Da musste ich also immer wieder meine Haltung dazu überprüfen und versuchen, zu einer Position zu finden.
D.S.: Hat sich deine Position geändert in diesem Prozeß?
M.S.: Ja, eindeutig. Am Anfang habe ich immer nach einer Idee gesucht, um den Leuten den Spaß zu verderben, um zu sagen – hey- die Weihnachtsgeschichte ist kein Spaß und keine Idylle, sondern hat knallhart mit der Schwere unseres Lebens zu tun. Davon bin ich immer weiter abgekommen. Der Gedanke der Erlösung ist eben einfach bedingungslos. Daher habe ich schließlich Bilder ausgewählt, die viel allgemeiner sind und ganz weite Assoziationen aufrufen.
D.S.: Wenn es also um Assoziationen geht: Wie bewußt versuchst du da einzugreifen und deine Aussage allgemein deutlich zu machen – oder läßt du diesen individuellen Wahrnehmungsraum total offen?
M.S.: Es juckt mich natürlich, nach total konkreten Bildern zu greifen. Bei dem Satz “Jesus nimmt das Leiden an” z.B. würde ich mich natürlich gern in den Abgründen des Menschlichen suhlen – und die Bilder dazu sind ja täglich in den Nachrichten. Aber dann würde genau das passieren, was du ansprichst – es wird manipulativ und die Aussage geht verloren.
D.S.: Würde es dir genauso leicht fallen, ein – z.B. klassisches Werk von Bach – zu bebildern oder ist die quasi abstrakte Struktur von Messiaens Musik vielleicht sogar von Vorteil?
M.S.: Also es ist mir auch so überhaupt nicht leicht gefallen. Ich denke aber Bach wäre eine gleichartige Herausforderung. Man hat es dort nur mit anderen Konnotationen zu tun, die man dann auffangen muss.
M.S.: Wer in moderner Musik nicht so bewandert ist, für den klingt natürlich Messiaen extrem ungewohnt. Aber würdest du Messiaen eigentlich überhaupt als einen Komponisten der Moderne bezeichnen?
D.S.: Messiaen ist sicherlich insofern ein Komponist der Moderne, daß er – auch in der Beschäftigung mit den aktuellen Strömungen seiner Zeit – eine vollkommen neue Klangsprache entwickelt hat. Trotzdem ist er niemals wirklich Avantgarde gewesen: die Verweigerung, Techniken und Ausschließlichkeiten verschiedener Schulen ebenso konsequent wie andere Komponisten anzuwenden und sein in gewisser Weise anti-rationaler (aber nicht unintellektueller), sowie durchaus konservativer Hintergrund lassen ihn für mich eher eine Ausnahmestellung unter der klassischen Moderne einnehmen.
D.S.: War es für dein Herangehen auch interessant, dich an traditionellen Illustrierungen der Weihnachtsgeschichte zu orientieren, oder bieten diese keine Reize mehr für heutige Reflektionen?
M.S.: Also ich finde die Tradition der Weihnachtsdarstellung oft unerträglich. Von der Kommerzialisierung will ich gar nicht reden. Das habe ich ja auch im Plakatmotiv angedeutet. Aber ich finde natürlich trotzdem das Bild der Geburt ganz stark. Ich habe ja die Geburt meiner beiden Söhne miterlebt und wundere mich immer über die lapidare Notiz im Evangelium “Und sie gebar ihren Sohn und wickelte ihn in Windeln”. Ganz so einfach wird es ja dann doch nicht gewesen sein. Daher ist mir dann auch ein Bild ganz besonders aufgefallen. Es ist die Darstellung der Mutter Gottes im Wochenbett von Altendorfer. Das finde ich schon erstaunlich. Der hat also ein typisches gotisches bürgerliches Schlafzimmer in den Raum der Kathedrale hineinversetzt. Da kann man am ehesten etwas spüren von der Relevanz dieser Geburt, die mit unserem Alltag etwas zu tun hat. Und das war vor 500 Jahren!